Kammer 1

AMÉRICA

nach dem Roman von T.C. Boyle

Inszenierung: Stefan Pucher

Schauspiel

Als vor über einem Jahr die Entscheidung fiel, den von der paranoiden Angst einer US-amerikanischen Grenzgemeinde vor Verdrängung durch illegale Einwanderer aus Mexiko erzählenden Roman T. C. Boyles (1995) an den Kammerspielen zu inszenieren, sah sich Europa noch weit entfernt von den Migrationsbewegungen der Jahre 2015 und 2016. Heute hingegen, da die Frage nach der Bewältigung eines mehrere Millionen Menschen betreffenden Exodus die EU und deren Gesellschaften zersplittert, ergeben sich auf einmal deutliche Parallelen zu den in Boyles „América“ verhandelten Phänomenen. Ein Umstand, der den Intentionen des amerikanischen Autors möglicherweise nur teilweise entspricht. Denn als dieser vor über 20 Jahren die Geschichte eines mexikanischen Einwandererpaares und deren gleichermaßen unfreiwillige wie folgenschwere Begegnung mit den Bewohner_innen einer vornehmen Wohnsiedlung südlich von Los Angeles veröffentlichte, ging es ihm nicht in erster Linie um künstlerische Reaktionen auf eine aktuelle gesellschaftliche Notlage. Vielmehr suchte Boyle nach einer Möglichkeit, sich exemplarisch mit solchen menschlichen Urängsten auseinanderzusetzen, die angesichts eingebildeter Bedrohungen entstehen und gerade deshalb alle Vernunft außer Kraft zu setzen vermögen. In einem fast surrealen Szenario, in dem grenzenloser Überlebenswille auf hysterische Abschottung trifft, geraten in Boyles Erzählung die Lebensrealitäten aller Beteiligten ins Wanken. Und verschieben sich zu einem Bild, für das eine berühmte christliche Wortreihe folgendermaßen umgeschrieben werden könnte: Glaube, Liebe, Panik.


Premiere am 12. Mai 2016

pressestimmen

„Stefan Pucher treibt seine Figuren entschlossen an den Punkt, an dem es kein Lavieren mehr gibt. An dem sie eine Entscheidung treffen müssen, was sie sich vom Leben erhoffen – und was sie dafür zu tun bereit sind.“ (Applaus)

„Eigentlich geht es in Puchers Inszenierung, gewollt oder ungewollt,um die Schwierigkeit, hinter all den vorgefertigten Wahrnehmungsmodellen überhaupt noch ein klares, ungenormtes Verständnis komlizierter politisch-sozialer Geschehnisse zu gewinnen. Oder ist das vielleicht unmöglich, weil jede Sichtweise sofort ins Sortiment der Welterklärungs-Konfektion aufgenommen wird?“ (Bayrische Staatszeitung)

„Schauspielerisch brillant verkörpert das mexikanische Underdog-Pärchen (Sylvana Seddig und Gonzalo Cunill) die Verzweiflung der Geächteten und die Angst vor den Demütigungen der in ihrer Südstaaten-Mentalität gefangenen Cowboys (Peter Brombacher, Stefan Merki und Jürgen Noch). Und anrührend ist die Szene, in der América und Cándido, mexikanische Weisen auf den Lippen, auf dem Laufsteg zwischen den Zuschauerreihen sich ihrer Liebe versichern.“ (Donau Kurier)