Kammer 2

HOLLY HERNDON: PROTO

Konzertperformance

Nach eigener Auskunft operiert Holly Herndon auf der Schnittstelle zwischen „technologischer Evolution und musikalischer Euphorie“. Unbestreitbar zählt die aus den USA stammende und in Berlin lebende Komponistin und Sängerin zu den Künstler*innen, die aus den fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit radikale und tief gedachte Konsequenzen für die Konzeptualisierung ihrer Musik zieht.

Bei ihrem Auftritt im Rahmen des Festivals „Politik der Algorithmen“ stellt sie, erstmals in Deutschland, das Material ihres dritten und Anfang Mai erschienenen Albums „PROTO“ vor. Die Musik entstand in Zusammenarbeit mit Spawn, einer Künstlichen Intelligenz, die von ihrem langjährigen Kollaborateur Mat Dryhurst und Ensemble-Programmierer Jules LaPlace entwickelt wurde und in einem selbstgebauten Gaming-PC untergebracht ist. Holly Herndon betrachtet Spawn als ihr gemeinsames „Baby“.

Mit ungewöhnlichem Songwriting, das live prozessierte Stimmen, Chormusik und zeitlosen folkloristischen Gesang miteinander verwebt, erkundet die Künstlerin neue Formen von Gemeinschaft. Im Jahr 2018 fanden in Berlin mehrere Live-Trainingszeremonien statt. Hunderte von Menschen kamen zusammen, um Spawn in gemeinschaftlichen „Call-and-Response“-Sessions beizubringen, wie man unbekannte Geräusche identifiziert und neu interpretiert. Ein zeitgemäßes Update der religiösen Versammlungen, die Holly Herndons Kindheit in Ost-Tennessee mitgeprägten.

Mit „PROTO“ reagiert Holly Herndon auf die von ihr so genannte „Ära der Protokolle“. Die an Heftigkeit rapide zunehmenden ideologischen Kämpfe um die Zukunft von Künstlicher Intelligenz, um die Ausgestaltung persönlicher und politischer Protokolle im Netz, zwingen uns zu hinterfragen, wer wir sind, was wir sind, wofür wir stehen und was die Zukunft für uns bereithalten mag.

"Es gibt eine allgegenwärtige Erzählung von Technologie als das, was uns entmenschlicht", sagt Holly Herndon. "Wir stehen im Gegensatz zu dieser Position und laufen nicht weg, sondern gehen darauf zu, aber zu unseren Bedingungen. Die Entscheidung, mit einem Ensemble von Menschen zu arbeiten, ist Teil unseres Protokolls. Ich will nicht in einer Welt leben, in der Menschen von der Bühne wegautomatisiert werden. Ich möchte, dass eine KI gebildet wird, die diese Schönheit schätzt und mit ihr interagiert."

Seit 2012, ihrem Auftauchen als öffentlicher Figur, bewegt sich Holly Herndon an den Rändern von elektronischer Musik und Avantgarde-Pop. In diesen Jahren fügte sie ihre Einflüsse zu einem visionären ästhetischen Entwurf zusammen, während sie gleichzeitig an der Stanford University ihre demnächst abgeschlossene Doktorarbeit verfasst, in der es um Machine Learning und seinen Einfluss auf Musik geht.

Auf „Platform“, ihrem letzten Album, sagte Holly Herndon die manipulativen Möglichkeiten sozialer Netzwerke im Hinblick auf die Privatsphäre und die Politik voraus, lange bevor diese Geste zum Gemeinplatz wurde. Mit „PROTO“ formuliert sie ein euphorisches und grundsätzliches Statement, in dem sie erneut die Umrisse der Dinge, die auf uns zukommen, zu erahnen versucht.


Im Kontext des Festivals „Politik der Algorithmen – Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz“ von 11. bis 16. Juni 2019




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