Kammer 1

JOACHIM KRÓL & L’ORCHESTRE DU SOLEIL: DER ERSTE MENSCH

DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE EINER KINDHEIT NACH ALBERT CAMUS // INSZENIERUNG: MARTIN MÜHLEIS

Gastspiel

Die Schule ein Ort, der einem den Blick auf das Leben öffnet? Der kleine Albert Camus hat das so erlebt. Moderne Bildungspolitiker*innen und Pädagog*innen müssen sich irritiert die Augen reiben, wenn sie seine Geschichte hören. In einem erzählerischen Parforceritt entführt Joachim Król sein Publikum in dieser emotionalen Theaterproduktion als Ich-Erzähler in eine Welt voller Armut, Lebensfreude und „natürlicher Schönheit“. Die Musik des Orchestre du Soleil liefert den Soundtrack zu diesem hochaktuellen Stück über das „Abenteuer Bildung“, an dessen Ende ein Mann, der als Kind in einer Familie von Analphabeten aufwächst, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.

Musik Christoph Dangelmaier Textbearbeitung, Produktion Martin Mühleis


Zur Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung

Wie Albert Camus wachsen auch heute Millionen Menschen in bildungsfernen Familien auf. Durch fehlende Anregungen zum Lesen und Schreiben, unregelmäßige Schulbesuche, häufigen Schulwechsel oder fehlende Kommunikation bleibt ihnen die Welt der Schriftsprache weitestgehend verschlossen. Albert Camus hatte einen Lehrer, der ihm die Welt zur Bildung eröffnet hat. Diese Aufgabe übernehmen auch heute Lehrer*innen, Familienmitglieder, Arbeitskolleg*innen und Freund*innen. Fehlende Schreibkompetenzen sind jedoch immer noch weitgehend tabuisiert in unserer Gesellschaft. Daher ist es wichtig, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass es viele Menschen gibt, die kaum lesen und schreiben können. Das Wissen und die Akzeptanz in der Bevölkerung ist eine wichtige Basis dafür, dass Betroffene sich zu erkennen geben und den ersten Schritt wagen. Genau das soll mit der Dekade für Alphabetisierung erreicht werden. Die Geschichte von Albert Camus zeigt, was möglich ist und trägt in jeder Hinsicht zur Sensibilisierung und Motivierung bei.


6,2 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabet*innen

In Deutschland gelten etwa 6,2 Millionen Erwachsene als sogenannte funktionale Analphabet*innen. Das ist etwa jeder achte zwischen 18 und 64 Jahren. Zugewanderte und Geflüchtete ohne mündliche Deutschkenntnisse sind in dieser Zahl nicht enthalten! 60 Prozent aller funktionalen Analphabet*innen hierzulande sind Männer, wie 2018 eine Studie der Universität Hamburg gezeigt hat.


Was sind funktionale Analphabet*innen?

Menschen mit funktionalem Analphabetismus können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen, wie etwa eine schriftliche Arbeitsanweisung, Kontoauszüge oder den Handyvertrag. Meist entwickeln sie ausgeklügelte Strategien, damit das Problem in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Familien‐ und Freundeskreis nicht auffällt. Dennoch: Der Leidensdruck vieler ist groß.


Was sind die Ursachen für fehlende Lese‐ und Schreibkompetenzen?

Die Ursachen von funktionalem Analphabetismus sind vielfältig: so spielen ungünstige familiäre Einflüsse eine Rolle, fehlende Anregung zum Lesen und Schreiben, unregelmäßige Schulbesuche, häufige Schulwechsel oder fehlende Kommunikation. Oft konnten schon die Eltern nicht richtig lesen und schreiben.


Alphabetisierung in Betrieben

Mehr als jeder zehnte Berufstätige kann nicht richtig lesen und schreiben. Ihr Anteil unter den Hilfskräften ist besonders hoch. Die zunehmende Digitalisierung und wachsende Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt stellen Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen am Arbeitsplatz vor große Herausforderungen. Im Rahmen der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (2016‐2026) fördert das Bundesbildungsministerium innovative Projekte, die Beschäftigte mit Alphabetisierungs‐ und Grundbildungsbedarf am Arbeitsplatz unterstützen.

Alphabetisierung und Grundbildung am Arbeitsplatz ist für Unternehmen und Beschäftige gleichermaßen ein Gewinn: Die Betriebe erreichen die vorgeschriebene Qualitätssicherung. Die Beschäftigten wenden die neuen Kenntnisse sofort am Arbeitsplatz an. Das sichert nicht nur den Job, die Erfolgserlebnisse tragen auch zur Motivation für weitere Qualifizierungsmaßnahmen innerhalb des Unternehmens bei.


Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

Mit dem Ausrufen einer „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ (AlphaDekade) setzen Bund und Länder das Thema ganz nach oben auf die bildungspolitische Agenda. Ziel ist es, die Lese‐ und Schreibkompetenzen von Erwachsenen zu steigern. Mehr Betroffene sollen für spezielle Bildungsangebote gewonnen und die Öffentlichkeit für das Thema stärker sensibilisiert werden. Die Sensibilisierung ist so wichtig, da die Hemmschwelle für die Teilnahme an Bildungsmaßnahmen hoch ist und viele Betroffene aus Angst vor Diskriminierung in die Isolation geraten.

pressestimmen

„Sie geht fast rauschhaft triumphal durch die Stimme, durch den ganzen Körper des Mannes dort vorn: die Reise aus Paris zurück in die Heimat, die Reise in die Kindheit, die Reise in die Armut und das Licht. Und sofort wird spürbar, wie ungemein lebendig die Erinnerungen sich dem Autor aufgedrängt haben, wie zweischneidig sie aber auch sind: glückhaft und schmerzhaft zugleich. Albert Camus: ein Geborgener und ein Ausgestoßener. Einer, der den Ausbruch geschafft hat aus der katastrophalen Enge seines Herkommens, aber sich doch auch ein Leben lang danach zurücksehnt. Joachim Król fühlt das in allen Schattierungen mit. Dazu hüllt die arabisch angehauchte Musik des fünfköpfigen Orchestre du Soleil seinen Vortrag in ein Gewebe aus lyrischen und rhythmischen Klängen.“ (Braunschweiger Zeitung zur Premiere im Staatstheater Braunschweig)

„Der Schauspieler lässt durch seinen Vortrag ein ganzes Figurenensemble vor dem geistigen Auge der Zuschauer entstehen. Es geht um Emanzipation durch Bildung, aber auch um den damit einhergehenden Verlust naiver Unschuld. Ein Rollenwechsel, den Król überzeugend verkörpert. Das Publikum spendet dafür am Ende dieses knapp zweieinhalbstündigen Abends Bravorufe und erhebt sich zu minutenlangem Applaus.“ (Hannoversche Allgemeine Zeitung zur Vorstellung im Schauspielhaus Hannover)

„Mal präludieren die Mitglieder des fabelhaft abgestimmten L'Orchestre du Soleil Textabschnitte, mal kommentieren oder überhöhen sie diese. Besonders stark wirkt das Ensemble, als es mit dem Vorleser eine orientalisch anmutende Zugreise durch das algerische Hinterland unternimmt, mit einem betörenden Wechselspiel von Oud und Klarinette. Emotionaler Höhepunkt ist jene Szene, in der sich Jacques´ zuerst uneinsichtige Großmutter vom Volksschullehrer umstimmen lässt, den Enkel weiterhin lernen zu lassen. Das Glück des Jungen bilden Musik und Textvortrag in mustergültiger Verschränkung ab.“ (Weser Kurier zur Vorstellung in der Glocke Bremen)

„Die zweieinhalb Stunden im prächtig ausverkauften Haus werden zur Anwandlung. Zum subtilen Vexierspiel. „Der erste Mensch“ ist die Schraffur einer Kindheit, aber auch ein Buch des Lebens. Denn wenngleich es hier um ein kleines Kind namens Jacques geht, das sich im Armenviertel der algerischen Hauptstadt durchschlagen muss, macht Król dieses Kind zu einem Teil von uns. Hier helfen auch die seidenfeinen Klänge des fünfköpfigen L’Orchestre du Soleil, das den Text mit Akkordeon, Oud und Percussions sinnlich umarmt, ohne ihn dabei seiner Kraft zu berauben. Orientalisch-würzig unterstreichen die Musiker die Worte von Joachim Król auf der von Lichtdesignerin Birte Horst herrlich ausgeleuchteten Szenerie.“ (Badische Neuste Nachrichten zur Vorstellung im Tollhaus Karlsruhe)