KLINIK FÜR PSYCHIATRIE UND PSYCHOTHERAPIE DER LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT

REVOLUTION UND WAHNSINN

3 PERFORMATIVE DIAGNOSEN ZUM VERHÄLTNIS VON PSYCHIATRIE UND POLITIK // EIN PROJEKT DER OTTO FALCKENBERG SCHULE

Vor 100 Jahren wurden in der Psychiatrie in der Münchner Nußbaumstraße Protagonisten der Münchner Revolution und Räterepublik – unter ihnen der Schriftsteller Ernst Toller und der Journalist und erste Ministerpräsident Bayerns, Kurt Eisner – für wahnsinnig erklärt. Die psychiatrische Diagnose beraubte sie ihrer Glaubwürdigkeit, diskreditierte sie öffentlich und wurde somit zum Instrument politischer Einflussnahme. Welche Stimmen dieser Revolution sind heute noch hörbar? Wann ist ein radikaler Umbruch die einzig verbleibende Option? Wie wirken Machtstrukturen in der Institution Psychiatrie? Gemeinsam laden junge Künstler*innen Otto Falckenberg Schule und der Theaterakademie August Everding dazu ein, die Räume des historischen Schauplatzes zu betreten, hinter sonst verschlossene Türen zu blicken und stellen in drei Performances Fragen rund um das Verhältnis von Psychiatrie, Macht und Politik.


Revolution & Wahnsinn ist eine Koproduktion von Otto Falckenberg Schule und Theaterakademie August Everding & Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Stdg. Dramaturgie (Leitung Prof. Hans-Jürgen Drescher), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Nußbaumstraße und Kulturreferat München im Rahmen der Reihe „1918-2018: Was ist Demokratie?“

Abenddramaturgie Julia Hammerstiel, Carolin Müller-Dohle Technische Betreuung Katrin Langner, Tim Scherbaum, Laura Pohl Mentoren Adrian Herrmann (Theaterakademie August Everding), Malte Jelden (Otto Falckenberg Schule) Wissenschaftliche Beratung Laura Mokrohs (Kuratorin) Live-Musik 1.12. MADSIUSOVANDA – Carina Madsius (piano), Pia Ovanda (vocals) / 2.12. Christopher Verworner (piano)



BITTE BEACHTEN: Für eine der folgenden drei Performances vor Ort ist eine gesonderte Anmeldung unter gastfrei@web.de nötig.

Performance 1: „München November 18“

„Wer die Masse aufwühlt, wühlt die Hölle auf“ - Ernst Toller

In einem Zusammenspiel aus Text, Musik und Videoinstallation entsteht eine Nachverfolgung der Gedanken, Bestrebungen und Wege der Revolutionäre und Konterrevolutionäre der Geschehnisse vom November 1918 bis zum Mai 1919 in München. Es eröffnen sich die Fragen: Welches Menschenglück hatten beide Seiten im Sinn? War die Revolution, der Wunsch nach Veränderung und Brüderlichkeit real oder nur eine Illusion – ein Rausch, der die Realität betäuben sollte? Am Ende bleibt zu fragen: Wie kann eine Weltrevolution in der Gegenwart aussehen, in der nicht Toleranz und Mitgefühl die Massen mobilisieren, sondern Angst?

Visuelles Konzept und Regie Moritz Hauthaler Bildgestaltung Max Christmann Dramaturgie Carlotta Huys Musik Martin Baumgartner Regieassistenz Stella Großmann Mit Conrad Ahrens, Jan-Niklas Faßbender, Dominique Devenport


Performance 2: „Gastfrei“

GASTFREI zeigt anhand von ausgewählten psychiatrischen Gutachten und Berichten, was im psychiatrischen Diskurs und, darüber hinaus, in der deutschen Öffentlichkeit als psychisch-krank bezeichnet wurde und wird. Dostojewskis Diktum, man werde »sich seinen eigenen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen können, dass man seinen Nachbarn einsperrt« entsprechend, gilt es, der Geste des Ausschlusses, die niemals frei von Gewalt ist, auf den Grund zu gehen. Welche politischen, ökonomischen oder soziokulturellen Motive und Interessen liegen einem psychiatrischen Attest zugrunde? Welche Machtstrukturen sind der Institution Psychiatrie eingeschrieben? Wie wirken sie bis in die Architektur hinein und fort? Und wie wirken sie auf den Menschen ein?
Selbstständig gehen die Besuchenden durch die Gänge der 1904 gegründeten Psychiatrischen Klinik in der Nußbaumstraße, blicken hinter sonst verschlossene Türen und begegnen dem, was im Akt der Scheidung von Wahnsinn und Vernunft zum Verstummen gebracht wird.

Konzept und Regie Caroline Kapp und Jacqueline Reddington Szenenbild Ji Hyung Nam Kostüm Stephanie Zimmer Sound Florian Wulff Dramaturgie Anna Raisich Mit Blaise Amada, Jara Bihler , Paul Hofmann-Wellenhof, Valentin Mirow, Anselm Müllerschön , Daria von Loewenich



Performance 3: „Regel 5/22“

Gewalt ist verboten – Gewalt ist Pflicht.
Gewalt ist unmenschlich – Gewalt ist das letzte Mittel.
Gewalt stört unsere Gesellschaft – Gewalt hält sie intakt.
Gewalt wird von allen ausgeübt; von einzelnen Individuen und von mehreren Individuen gemeinsam, sowohl frei zusammen geschlossen als auch institutionalisiert.
Was aber führt dazu, dass wir Menschen Gewalt anwenden?
„Ich haßte die Gewalt und hatte mir geschworen, Gewalt eher zu leiden als zu tun. Durfte ich diesen Schwur brechen?
Ich musste es tun.“
(Ernst Toller)

Wann sind die Umstände nicht mehr zu ertragen, so dass Gewaltanwendung als einzig verbliebene Option erscheint? Was ist das für ein allmächtiger Zweck, der Gewalt als Mittel heiligt?
Wann akzeptieren wir diese Heiligsprechung und wann nicht?
Und wer hat das Recht darüber zu richten?

Konzept und Regie Ayşe Güvendiren Dramaturgie Natalie Baudy, Laura Mangels Bühne Anna Knöller Kostüm Valentina Pino Reyes Musik Sophia Jani, Florian Paul Mit Deborah-Maditha Dolle, Marlina Mitterhofer, Anna Katharina Seidel und dem Schülerinnenchor des Sophie-Scholl-Gymnasiums unter der Leitung von Eva Lücking


BITTE BEACHTEN: Für eine der drei Performances vor Ort ist eine gesonderte Anmeldung unter gastfrei@web.de nötig.