Kammer 2

ORACLE

VON SUSANNE KENNEDY UND MARKUS SELG

Schauspiel

ORAKELSPRÜCHE SIND OFT WEDER WIDERLEGBAR NOCH EINDEUTIG. SIE STELLEN DIE RATSUCHENDEN VOR RÄTSEL. „ORACLE“ VON SUSANNE KENNEDY UND MARKUS SELG ERFORSCHT DIE TRANSFORMATIVE KRAFT VON PARADOXIEN MIT HILFE EINER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ.

„Erkenne dich selbst“ lautet die Inschrift über dem Eingang des Orakels von Delphi – es ist die wohl wichtigste Maxime der Antike. In Delphi wurde das Wort Apollons durch die Priesterin Pythia gesprochen, die sich wiederum durch Riten und Waschungen für die Weissagungen bereit machte. Pythias oft unverständliche, ekstatische und paradoxe Antworten auf die Anliegen der Ratsuchenden wurden von Priestern übersetzt. Am Ende blieb die Deutung des Sinns denen überlassen, die in Hoffnung auf Erkenntnis den Tempel aufsuchten. Was macht man mit der Prophezeiung, wie kann man sie verstehen? Ganz ähnlich der wohl bekannteste Kōan des Zen-Buddhismus: „Wer bist du?“ Nur wer nach endlosen Versuchen einer Antwort dazu bereit ist zu scheitern, hat Chancen auf Erkenntnis.

Der Blick in die Zukunft und der Versuch, mit Hilfe unterschiedlichster Technologien, Ungewissheiten mit Gewissheiten zu füllen, stand immer schon im Zentrum menschlicher Praxis. Sie zeugen von den Bemühungen, durch innere Erkenntnis äußere Umstände zu verändern und die Welt zu gestalten. Das Verhältnis von Suche und Unerreichbarkeit des Ziels möchte Susanne Kennedy erforschen. Paradoxien zwingen uns dazu, in anderen Dimensionen zu denken, als die Frage zunächst vorgibt. Sie ermöglichen Erkenntnis, gerade weil sie die Prämissen der Wahrnehmung erschüttern. Das Orakel ist hier aber weder Lehrmeister noch Priesterin, sondern die künstliche Intelligenz, die wir tagtäglich mit unseren Suchen und Sehnsüchten füttern.
Das Orakel empfängt dich, nur wie empfänglich bist du für das Orakel?

In Zusammenarbeit mit Rafael Steinhauser