Kammer 3

WUNDE R

VON ENIS MACI, INSZENIERUNG: FELIX ROTHENHÄUSLER

Schauspiel

DIE AUTORIN ENIS MACI VERWEBT IN IHREN TEXTEN INTERNETFUNDSTÜCKE, HISTORISCHE QUELLEN UND PERSÖNLICHE ERFAHRUNGEN ZU SPRACHMÄCHTIGEN MYTHEN DER GEGENWART. IN IHREM NEUEM STÜCK „WUNDE R“, DAS ALS AUFTRAGSWERK FÜR DIE MÜNCHNER KAMMERSPIELE ENTSTEHT, BESCHÄFTIGT SIE SICH MIT DEM KÖRPER. MIT WUNDEN UND WUNDERN, MARTYRIUM UND SELBSTOPTIMIERUNG. KLINGEN KÖNNTE DAS IN ETWA SO:

„Betreten wir das Feld. Man nennt es: das Körperliche. Seine Grenzen sind mit langen Schritten überschreitbar, sind unter Kraftaufwand überwindbar. Der Körper ist ein Gewinde – wer schraubt denn da, und woran? Wie sehen sie aus, die Träume der zukünftigen Autotunerinnen? Ist es wahr, dass „nobody ever regretted a workout“? Dass „there is no change in the presence of comfort“? Dass „strong is the new skinny“? Der Körper ist eine Wunde, sie öffnet und verschließt sich, er ist Schilfrohr, das von der Flut gebeugt und durchdrungen und gedemütigt wird, und sich doch, lässt die Überschwemmung nach, wieder heiter aufrichtet, so überliefert es uns die mit Striemen bezeichnete Elisabeth von Thüringen. Der Körper ist ein Knotenpunkt – hat Millionen Neuronen und ist selbst eines im globalen Netzwerk der Sprechenden, die Kaffee kochen, die Kinder in die Schule bringen, darüber twittern, und abends am Fuße derjenigen Moschee protestieren, die nach der Mystikerin Rabia von Basra benannt ist und doch in Kairo steht, die nach Rabia benannt ist, die Wunder tat und nach jener Schönheit suchte, die über die Körper hinausweist, und dort in Kairo im schmalen Schatten der Minarette stapeln sich also die Toten, Überschreiter der Grenzen, Übergangene. Der Körper ist ein Wunder und prüft solche, ist ein Pater am Tatort einer Marienerscheinung, über das Röntgenbild eines nunmehr verschwundenen Tumors gebeugt. Das Feld ist eine Fläche in Spiel und Sport, für den Abbau von Nutzpflanzen, von geologischen Rohstoffvorkommen, das Feld ist ein Kriegsschauplatz, es bezeichnet Regionen im Gehirn, und schließlich: eine Datenstruktur.“

Enis Maci, geboren 1993 in Gelsenkirchen, wurde in der vergangen Spielzeit für ihr Stück „Mitwisser“ von der Fachzeitschrift Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt. Zuletzt veröffentlichte sie den Essayband „Eiscafé Europa“ im Suhrkamp Verlag und war Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Der Regisseur Felix Rothenhäusler, Hausregisseur am Theater Bremen, hat an den Kammerspielen zuletzt „Melancholia“, „Trüffel Trüffel Trüffel“ und „The Re’Search“ als musikalische Sprech-Denk-Werke auf die Bühne gebracht.