KAMMERQUEERS

KAMMERQUEERS

Die Kammerqueers sind ein Künstler*innenkollektiv mit Sitz in München, das in seiner Arbeit klare politische Interventionen und künstlerische Praktiken miteinander verbindet. Mit Performances, Kurationsarbeit (Wuss 3000), Workshops und Diskussionen arbeitet das Kollektiv daran, queere Räume für künstlerisches und politisches Engagement in München zu schaffen. Wir haben ein Netzwerk von queeren Künstler*innen und Aktivist*innen aufgebaut und wichtige Diskussionen an den Kammerspielen und anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt ermöglicht.

Das Kollektiv zielt darauf ab, die Linearität einer beengten Gegenwart zu durchbrechen, indem es bestehende Narrative zerlegt, neue Fiktionen erschafft und Praktiken der Subversion vermittelt. Das Ziel der Kammerqueers ist es, die Praktiken von Queerness im Hier und Jetzt gemeinsam neu zu denken und Visionen für eine queere Zukunft zu entwerfen.

Wir glauben, dass Queerness nicht nur ein zu konsumierendes Produkt ist, sondern ein Prozess, der zwangsläufig die Bedingungen der Kunstproduktion, die Bedingungen unserer Beziehungen und die damit verbundenen kulturellen und sozialen Normen (auch die Unterdrückung) in Frage stellt. Queerness betrifft nicht nur die Sexualität und das Geschlecht, es stellt viel umfassendere Strukturen in Frage - jede Grenze und Binarität, die ökonomischen Strukturen von Arbeit, wie wir uns um andere Menschen und unseren Planeten kümmern und warum wir beides dringend tun sollten.

Die künstlerische Intervention der Kammerqueers, zum Beispiel ihre Abendreihe „WUSS 3000“ an den Münchner Kammerspielen, gibt dem Publikum die Möglichkeit, sich neue Zusammenhänge und Identitäten, Erfahrungen und Ausdrucksformen vorzustellen und sich von den so oft beschränkenden Normen und Erzählungen des Theaters zu lösen. Die Kammerqueers glauben fest an eine Revolution der Phantasie, der Wahrnehmung und der Sprache, die fällig und notwendig ist. Wir glauben, dass unser Publikum diese Revolution nicht nur verdient, sondern auch sucht.


Künstlerische Leitung Kammerqueers Keith Zenga King und Lola Fonsèque

Keith Zenga King ist schwarz, genderkritisch, politisch aktiv, schreibt und performt. King kommt aus Uganda und lebt in München. Mit Hilfe von Poesie, Live Performance und Mixed Media macht King die Geschichten der afrikanischen/migrantischen/Geflüchteten-/Queer- und trans*-Communities sichtbar und erweitert sie.
Sie wurden von Institutionen und Veranstaltungsorten in ganz Europa eingeladen, wie dem Norwegischen Rat für Afrika in Oslo, der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bayerischen Landtag München, dem TENT Rotterdam, dem WORM Rotterdam, dem Maxim Gorki-Theater, dem Hebbel am Ufer, der Berlin School of Economics and Law, der London School of Economics and Political Science, dem Schwulen Museum, dem Williams College Musuem of Art, Massachusetts, dem Museum Brandhorst und der Bayerischen Staatsoper.

Lola Fonsèque ist eine*r weiße*r nicht-binäre*r Butch, Theatermacher*in und Kurator*in. Nach xierem Abschluss in Philosophie an der Universität Paris X – Nanterre und der Freien-Universität Berlin, hat sie*er eine Ausbildung als Physische Schauspieler*in am Atelier für Physisches Theater Berlin abgeschlossen.
Als Regisseur*in und Autor*in hat sie*er unter anderem FLUSH ME HARDER im Maxim Gorki Theater – Studio R und SHAME im English Theatre Berlin inszeniert. Xiere Arbeit untersucht die Kraft der Subversion durch das Umformen und/oder den Abbau von Räumen, Sprache und Identitäten. Xier Ziel ist es, ein Theater zu erschaffen, das abweicht, seltsam, gefährlich und instabil ist. Sie*er kuratiert WUSS 3000 und ist Co-Gründer*in der Kammerqueers.



WUSS 3000

WUSS 3000 ist anarchisch, queer, irgendwie chaotisch. Ein Abend voller Zärtlichkeit, Kampf, Karaoke und Performances. Die KammerQueers, ein Kollektiv aus Personen, die in Verbindung mit den Kammerspielen stehen und sich als queer identifizieren, schaffen mit WUSS 3000 einen queeren Raum mit künstlerischem Auftrag. Um sich mit queeren Menschen in Theater- und Performancekontexten zu vernetzen, laden sie jedes Mal Gäste aus München und darüber hinaus ein.


Falls Ihr Anmerkungen und Kommentare habt oder euch beteiligen/auftreten wollt, meldet Euch bitte via: kammerqueers@kammerspiele.de


KammerQueers Lola Fonseque, Thomas Hauser, Fabian Holle, Ella McCarthy, Damian Rebgetz, Keith Zenga King Kostüme Melina Poppe, Nora Stocker Setting Andrea Perez Fu, Janina Sieber

Fotos

Veranstaltungen

12. Jul 19, 13:00 bis 17:00 Uhr
Treffpunkt/Meeting point Kammer 2

SAFE PLACE AND THEATER

THEATER-WORKSHOP FÜR PEOPLE OF COLOR MIT MIRIAM IBRAHIM / EINTRITT FREI, AUF ENGLISCH UND DEUTSCH, BITTE ANMELDEN

13. Jul 19, 21:00 bis 03:00 Uhr
Kammer 2

WUSS 3000 X QULTUR

PERFORMANCES VON MALA (HAMZA BADI), DANIELLE BRATHWAITE-SHIRLEY, MANDHLA, RAE MAJOR, SMOOTHOPERATOR, LUX VENÉREA / DJANE RIYA, DJ SIMO / HOST: GODXXX NOIRPHILES // 5 EURO, SEHR LIMITIERTER VORVERKAUF

TEXTE

KAMMERQUEERS PRESENTS: EIN ANTI-ZAHNPASTA-MANIFEST

Das Theater ist ein sehr wuseliger Raum – voller Gegenstände, Kostüme, Menschen, Rollen, Geschichten. Aber bei allem Chaos ist es eine sehr organisierte Struktur, ein sehr gut sieht-aus-wie-Chaos-organisierter Raum, der einen sauberen Nachgeschmack hinterlässt. Wie eine starke (von Zahnärztinn*en empfohlene!) Zahnpasta, die jeden anderen Geschmack ausmerzt. Nicht mal eine Zigarette macht dann noch Spaß. Nennen wir das den „Extrem starke Minze Ultra Weiß: Achtung, kann zu Zahnfleischbluten führen“-Geschmack (abgekürzt ESUWAKZZF-Geschmack). Das mit dem Zahnfleischbluten ist von mir, ihr alle kennt das. Natürlich sprechen wir aus einem dreckig-queeren Standpunkt heraus. Überraschung! Gemein. Ich muss zugeben, dass ich meine nicht so Perlweißen nicht mehr reinige. Sie sind zu empfindlich, wie mein Zahnfleisch.

Heteronormativität, wie Weißsein, ist die „Normal-Maschine“, mit vorgefertigter Logik, Zielen, Dominanten, die ihre Domination dominieren, um ein „ist das photogeshoppt“-Lächeln zu reproduzieren. Zurück bleibt der „Extrem starke Minze Ultra Weiß: Achtung, kann zu Zahnfleischbluten führen“-Geschmack, denn die Geschichten, die wir dem Publikum und uns selbst erzählen, sind schon in unterschiedlichen Formen erzählt worden, nicht nur einmal, sondern x-fach. Wir, und habt Nachsicht mit meiner Metapher, SIND DIE ZAHNPASTA. Das mag übertrieben erscheinen, IST ES ABER NICHT. Wir sind ordentlich in Regale eingeordnete Zahnpastatuben – gut vermarket, Markenware, hergestellt, identisch verpackt voller Verheißungen, gehorsam und bewegungslos. Hin und wieder eine neue Verpackungslinie – glänzend, schön, glitzernd, empfindlich! Manchmal gibt es sogar einen Hauch von Skandal – „Nelkengeschmack“, oh, wie exotisch! Aber glaubt uns, es ist derselbe Scheiß.

Stellt euch vor, dass ihr eines Tages, während ihr vielleicht Bio kaufen wollt, eine neue Zahnpasta kauft. Neutraler Geschmack, kein Brennen im Mund, kein Zahnfleischbluten. Ihr fühlt euch ein bisschen dreckig, ein bisschen anders, ein bisschen queer, die Worte, die aus eurem Mund kommen, sind schmutziger, und wisst ihr was? Schmutz ist unsere Politik! Schmutz ist unser Leben! Nehmt ihn an, nehmt ein Theater an, das Queer ist. Um aus „Cruising Utopia“ von José Esteban Muñoz zu zitieren: „Bei Queerness geht es in erster Linie um Zukünftigkeit und Hoffnung ... Wir müssen neue und bessere Lüste erträumen und erleben, andere Arten des Seins in der Welt und zu guter Letzt andere Welten.“ Legt. Die. Zahnpasta. Weg.

Wir müssen ein queeres Theater auf der Grundlage von Hoffnung, von Utopie schaffen. Ein Theater, das abweicht, seltsam, gefährlich, instabil ist. Wir werden enttäuscht sein, aber das gehört zum Prozess. Wir haben die KammerQueers ins Leben gerufen, eine Gruppe queerer Menschen an den Kammerspielen: Wir sind anti-rassistisch, anti-cissexistisch, eindeutig queer, und wir versuchen, die Institution Kammerspiele zu lenken und zu verändern. Wir arbeiten daran, neue Apparate/Oktopusse innerhalb des Theaters zu erschaffen, wie zum Beispiel durch das Event WUSS 3000. WUSS 3000 ist ein Abend des Kampfes und der Zärtlichkeit mit Karaoke und Performances, für den die KammerQueers queere Performer aus München und darüber hinaus einladen und mit dem sie einen sicheren Raum innerhalb der weißen und heterosexuellen Institution Kammerspiele schaffen wollen.

Neue Apparate bedeutet, die Bedingungen unserer Beziehungen zu überdenken, gegen Rassismus und Cissexismus zu kämpfen, wo immer sie auftreten, aufeinander aufzupassen, die Toiletten zu ehren, stolze Verlierer*innen, wütende Dykes*, dumme Fotzen*, verrückte Trans*, frustrierte Fister*innen zu sein, das Nicht-Binäre zu lieben, Schutzräume und Zeitmaschinen zu bauen, Räume und Geschichten zu unterwandern. Das Theater braucht andere Künstler*innen, andere Strukturen. Wir wollen queere, schwarze, migrantische und POC-Künstler*innen auf unseren Bühnen! Wir wollen Utopia! Wir wollen, dass alle aufhören, sich die Zähne zu putzen! Lasst uns den ESUWAKZZF-Geschmack ausspucken, den wir schon zu lange im Mund haben, und der unsere schönen, widerwärtigen und albernen queeren Kleider, Körper und Geschichten UNSICHTBAR MACHT UND VERLETZT.


PRESSE

Artikel von Franziska Koohestani zu WUSS 3000 für BR24.