DAS OPERNHAUS DER KAMMERSPIELE

Spielzeit 2015/16

Über Oper nicht klischeehaft zu sprechen, ist gar nicht so leicht. So geflügelte wie viel strapazierte Beschreibungen wie jene des „Kraftwerks der Gefühle“ oder die zu seiner Zeit gar nicht unbedingt polemisch gesetzte Aufforderung, doch alle Opernhäuser in die Luft zu sprengen, kriegen kaum noch etwas zu fassen.


Und dennoch, orientiert gerade an diesen: Gesprengt wird erst einmal gar nichts. Noch gibt es ja auch nichts, womit aufgeräumt werden müsste: Keine Musealisierung des Repertoires, kein Erstarrtes der Form, keine Fetischisierung der Stimmen, kein ausschließender, feudaler Repräsentationszirkus, keine tempelhafte Monumentalität, also kein anzweifelndes ‚Wozu das alles‘. Und die Münchner Kammerspiele werden im Übrigen natürlich auch ein Ort des Theaters (im weitest nur denkbaren Sinne) bleiben, auch wenn jetzt für eine Spielzeit der ungarische Musiker und gern die Genregrenzen verwischende Regisseur David Marton einziehen und ansiedeln wird. Dennoch soll es gerade hier einen festen, noch zu findenden Ort geben, der es auch verdient, Opernhaus genannt zu werden. Und von dem alles ausgeht. Wo Dinge beginnen und andere, die mit Martons Inszenierungen von Bellinis LA SONNAMBULA und Mozarts DIE HOCHZEIT DES FIGARO in die Kammern gedrungen sind, zurückkoppeln und weitererzählt werden: Was ist eigentlich die Lieblingsmusik von Mozarts Gräfin? Couperin? Stockhausen? Billy Holiday? Wie klingt die Arie „When I am laid in earth“ aus Purcells „Dido and Aeneas“, wenn die serbische Jazzsängerin und neues Ensemblemitglied Jelena Kuljić sie sich aneignet und eine Laute sie dazu begleitet? Und wer hat eigentlich behauptet, nicht auch der Schauspieler und Marton-Wegbegleiter Niels Bormann könne sie singen und sich gleichzeitig dabei fragen, wer da eigentlich schon wieder gleich sterben will, bzw. muss, bzw. darf? Außerdem finden manche nur nachts den Raum zum Denken und Schaffen, nur in der Dunkelheit erleben sie den geheimnisvollen Raum von Freiheit, den Tageslicht sogleich zerstört. Auch der SLEEPWALKER'S IMPROVISATION CLUB bevorzugt die Sternstunden in der Kassenhalle der Kammerspiele. An einem Abend zwischen Probe und Improvisation empfängt David Marton den Bass Victor von Halem, der an den größten Opernhäusern der Welt die wagnerschen Bass-Partien sang. Auf der kleinsten Bühne der Kammerspiele wird von Halem seine Abenteuer in GURNEMANZ SCHLAFLOS – PARSIFAL IM ARBEITSLICHT offenbaren. Sein Gewährsmann als Parsifal wird mit Gundars Āboliņš ein Ensemblemitglied der Kammerspiele sein.

Es wird nicht viel brauchen, um dieses Opernhaus zu gründen. Und also auch nur wenig, um es dann wieder in die Luft zu sprengen – was, das sei hiermit gleich angekündigt, auch eines Tages mit viel Pomp geschehen wird! Es sollte reichen, eine Spanholzkiste hinzulegen, im oberen Foyer oder im Hof, auf die es sich dann stellen ließe, um ein wenig herausgehoben zu sein und singen, oder auch etwas darüber verkünden zu können, was das denn ist, ein Opernhaus. Und sich darüber zu verständigen, worum es hier gehen soll: Ein wenig zurückgewonnene und der vordergründigen Verwertbarkeit gestohlene Zeit. Schlichter Gesang. Einfache Schönheit. Ein Kraftwerk muss es nicht sein, es reicht ein kleiner fragender Gedanke: Kommen Gefühle eigentlich dort auf, wo man sie haben will, zum Beispiel in der Oper, oder findet die Oper dann und dort statt, wo man Gefühle lieber vermeidet oder einfach nicht erkennt? Handeln wir und fühlen dann, oder fühlen wir andauernd? Fühlen wir in großen Glücksmomenten Glück oder eher Angst? Kann man gleichzeitig drei Gefühle haben? Kann die Oper gleichzeitig drei Gefühle vermitteln? Fängt Gesang wirklich dort an, wo die Sprache aufhört? Oder ist Gesang permanent anwesend, eine Parallelwelt zur Sprache, ein unaufhörlicher Wachtraum?

David Marton gründet ein Opernhaus. Eine kleine Insel auf der Insel, haarscharf abseits der Welt (die einfach nie die Klappe halten will, obwohl sie in den seltensten Fällen wirklich schön singt). Eine Oper ohne Angst, aber mit viel Glamour.